Bäume und Reben wachsen künftig Seite an Seite: Mit dem sogenannten Vitiforst-Projekt geht das Weingut Rütihof in Stäfa neue Wege. Die gezielte Pflanzung verschiedener Baumarten zwischen den Reben soll die Biodiversität fördern, das Mikroklima verbessern und den Weinbau für die Zukunft stärken.
Wer entlang der Goldküste nach Stäfa fährt, kennt das Bild: Auf der einen Seite glitzert der Zürichsee im Sonnenlicht, auf der anderen erstrecken sich grüne Rebberge über die Hänge. Sie prägen nicht nur das Ortsbild, sondern sind auch ein beliebter Erholungsraum für die Bevölkerung. Der Weinbau gehört seit Generationen zu Stäfa und ist ein wichtiger Teil der regionalen Kultur.
Doch der Klimawandel stellt diese Tradition vor neue Herausforderungen. Steigende Temperaturen, längere Trockenperioden und extreme Wetterereignisse wie Hagel, Starkregen oder Spätfrost setzen den Reben zunehmend zu. Auch die Reife der Trauben und damit die Qualität und der Ertrag des Weins können sich verändern. Langfristig stellt sich deshalb die Frage, wie der Weinbau unter diesen Bedingungen erhalten werden kann. Eine Antwort darauf sucht das Weingut Rütihof.
Seit 1885 Teil von Stäfa
Monica Hasler Bürgi und Matthias Bürgi bewirtschaften das Weingut Rütihof in Stäfa, heute bereits in fünfter Generation. Zum Betrieb gehören 4,5 Hektaren Reben, Wald und eine halbe Hektare ökologische Ausgleichsflächen. Die Förderung der Artenvielfalt und ein schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen sind dabei seit vielen Jahren fest in der Bewirtschaftung verankert.
So produziert das Weingut mit seinen Solaranlagen seit 2020 dreimal so viel Strom, wie es selbst verbraucht. Seit 2017 trägt es zudem das Nachhaltigkeitslabel FAIR’N GREEN und lässt seine Umweltleistungen jährlich überprüfen.
Doch Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, Ressourcen zu schonen, sondern auch, sich auf veränderte Umweltbedingungen einzustellen. Mit dem Vitiforst-Projekt gehen Monica Hasler und Matthias Bürgi deshalb einen weiteren Schritt, um ihre Reben für die Zukunft widerstandsfähiger zu machen.
Wenn Bäume und Reben zusammenwachsen
Hinter dem Begriff Vitiforst steckt die Kombination von Reben mit Bäumen und Sträuchern. Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist keineswegs eine neue Erfindung. Ähnliche Bewirtschaftungsformen haben eine lange Tradition und wurden bereits früher in verschiedenen Regionen praktiziert. Matthias Bürgi ist hauptberuflich in der Forschung zur Landschaftsgeschichte an der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) tätig. Durch seine Forschung ist er auf solche Systeme im In- und Ausland aufmerksam geworden. Angesichts des Klimawandels gewinnt dieser Ansatz nun wieder an Bedeutung.
Auf einer halben Hektare grossen Rebfläche bei der Rütihof-Schüür wird die Idee in die Praxis umgesetzt. Am 15. November 2024 pflanzte das Weingut die ersten 40 Bäume in drei Reihen zwischen den Reben. Insgesamt sind 70 Bäume aus elf verschiedenen Arten geplant, darunter Feldahorn, Hagebuche, Flaumeiche, Vogelbeere, Holzapfel und Edelkastanie.
Die Anlage wurde mit Unterstützung der Stiftung myclimate und in Zusammenarbeit mit SilvoCultura erstellt. Die Vielfalt der Baumarten ist dabei bewusst gewählt. Denn statt einer reinen Rebfläche soll langfristig ein vielfältigeres Ökosystem entstehen, in dem sich Bäume, Reben und andere Pflanzen gegenseitig beeinflussen und ergänzen können.
Die zweite Pflanzung soll im November 2026 stattfinden.
Bäume als Teil der Lösung
Welchen Nutzen haben Bäume mitten im Rebberg? Vor allem an heissen Sommertagen könnten sie eine wichtige Rolle spielen. Ihre Baumkronen spenden Schatten, können die Temperaturen in ihrer Umgebung senken und die Verdunstung verringern. Dadurch sollen die Reben besser mit längeren Hitze- und Trockenperioden zurechtkommen.
Die Bäume leisten aber noch mehr: Sie schaffen Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Kleintiere und fördern damit die Biodiversität. Gleichzeitig können ihre Wurzeln den Boden stabilisieren und so vor Erosion schützen. Während ihres Wachstums binden sie zudem Kohlenstoff. Auch das Bodenleben sowie der Wasser- und Nährstoffhaushalt können vom Zusammenspiel zwischen Bäumen und Reben profitieren.
Wie stark diese positiven Effekte tatsächlich ausfallen, ist allerdings noch nicht abschliessend geklärt. Insbesondere für die klimatischen Bedingungen in der Schweiz gibt es bisher wenig Erfahrung mit Vitiforst. Deshalb möchte das Weingut Rütihof nicht nur Bäume pflanzen, sondern auch mehr über deren Wirkung erfahren. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie unterschiedliche Baumarten die Wasserversorgung, den Nährstoffhaushalt und die Temperaturen in ihrer unmittelbaren Umgebung beeinflussen und welche Auswirkungen dies auf die Reben hat.
Eine Investition für kommende Generationen
Die ersten Erfahrungen stimmen Monica Hasler und Matthias Bürgi zuversichtlich. Die im November 2024 gepflanzten Bäume gedeihen gut. Lediglich zwei Bäume gingen durch Mäuseschäden verloren und wurden inzwischen ersetzt. Bis sich die jungen Bäume jedoch vollständig entwickeln und ihre Wirkung entfalten können, braucht es Geduld.
Gerade darin liegt die Besonderheit des Projekts: Das Weingut Rütihof investiert heute in eine Form der Bewirtschaftung, deren langfristiger Nutzen sich erst in den kommenden Jahren zeigen wird. Damit verbindet sie ihre langjährige Erfahrung im Weinbau mit der Bereitschaft, Neues auszuprobieren und aus den gewonnenen Erkenntnissen zu lernen.


















